Zusammenfassung
Im Schlafzimmer tut sich die Hölle auf. Und heraus steigt ein emotionsloser Buchhalter, der trocken über Jürgens Leben Bilanz zieht. Humorlos? Mitnichten!
Überrumpelt nehmen Jürgen und seine Frau die Herausforderung an - mit einer gehörigen Portion Nonchalance, Witz, Musik und Leidenschaft.
Eine höllische Nacht
Südtiroler Volksbühne München entfacht ein teuflisches Vergnügen in Haidhausen
von Ilija Glavas
Ein höllischer Abend im Pfarrhaus zu St. Wolfgang
Zu Beginn des Stücks wurde standesgemäß “Highway to Hell” zum Besten gegeben, bevor sich der Vorhang öffnete. Haidhausen zeigte sich an diesem Premierenabend von seiner charmantesten Seite, doch im Inneren des altehrwürdigen Hauses regierte jemand ganz anderes: Kein Geringerer als Luzifer (Fabian Gansmann) selbst erschien, um die vermeintlich langweilige Seele des Menschen Jürgen (Martin Mössmer) schnurstracks in die 739. Reinkarnation zu befördern, nachdem der Buchhalter der Finsternis (Andy Lanz) etwas zu tief ins Weinglas geschaut hatte.
Dass daraus kein stiller Verwaltungsakt, sondern ein turbulenter Schlagabtausch zwischen Diesseits, Jenseits und menschlicher Verzweiflung entsteht, ist die große Stärke der Südtiroler Volksbühne München, die Jahr für Jahr leidenschaftlich aufspielt und sich heuer mit Balthasar Alletsees Komödie “Eine höllische Nacht” selbst übertrifft. Balthasar Alletsee liefert mit seiner Vorlage eine pointiert angelegte Grundstruktur, die das Ensemble mit spürbarer Energie freilegt. “Fünf vor zwölf“ ist nicht nur eine dramaturgische Formel, sondern der Taktgeber eines Abends, der Jürgen, einen lebensmüden Durchschnittsmenschen, überraschend zielstrebig ins Fegefeuer schubst.
Die Bilanz seines Daseins? Katastrophal. Doch wer glaubt, Jürgen und seine Frau Sabine (Monika Schwienbacher) würden sich widerstandslos ergeben, hat die Rechnung ohne diesen charmanten, sich hartnäckig widersetzenden Mikrokosmos gemacht. So wird im Schlafzimmer nicht aufgegeben, sondern gestritten, verhandelt, geflirtet und gekämpft, bis selbst der Teufel ins Schwitzen kommt.
Das Ensemble punktet vor allem durch seine geschlossene Spielweise.
Der Luzifer des Abends agiert nicht als bloßer Antagonist, sondern als fein dosierter Motor der Handlung. Mit einer Mischung aus ironischer Grandezza und trockener Boshaftigkeit leitet er seinen Auftritt, ohne sie zu dominieren. Jürgen, herrlich normal und zugleich liebenswert überfordert, verkörpert den archetypischen Antihelden, der durch seine Schwächen gewinnt. Seine Frau sorgt mit ihrem warmherzigen Pragmatismus den emotionalen Fixpunkt des Abends. Sie setzt Luzifer immer dann unter Druck, wenn der Moment es verlangt und scheut dabei nicht einmal davor zurück, ihn mit charmant resoluter Konsequenz per Handschelle ins Ehebett zu manövrieren.
Inszenatorisch ist die Volksbühne gewohnt handfest und effizient unterwegs (Regie Veronika Jabinger). Der Pfarrsaal wird zur kompakten Spielstätte, aus der sich mit wenigen Handgriffen ein humorvoll überzeichnetes Setting voller Hintertüren, Nischen und überraschender Auftritte entwickelt. Die musikalischen Einwürfe sorgen für Tempo, und die choreografierten Momente setzen dem Abend jene Leichtigkeit auf, die eine Komödie dieser Art braucht, um wirklich zu zünden.
Was diesen Abend trägt, ist die unangestrengte Freude am Spiel. Der Humor ist bodenständig, manchmal direkt, manchmal subtil, aber stets getrieben von dem Willen, das Publikum mitzunehmen. Und genau das gelingt. Die “höllische Nacht” ist weniger ein Abstieg in die Finsternis, sondern ein beherzter Ausflug in jene Zwischenwelten menschlicher Selbstvermessung, in denen Gelächter und Lebensweisheit eng beieinanderliegen.
Am Ende domieniert nur ein Eindruck: Es wurde höllisch gut!
Die Südtiroler Volksbühne München liefert eine warmherzige, spielfreudige und im richtigen Moment freche Inszenierung, die zeigt, wie viel Kraft in einem klassischen Amateurensemble stecken kann, wenn Leidenschaft, Timing und Textmaterial Hand in Hand gehen. Ein Abend, der sich gewiss nicht reinkarnieren muss, um nachhaltig zu wirken.































